Freitag, 7. März 2008

Inseln der Vernunft

traeumer-3Er wurde als Pionier, Dissident und Computerguru bezeichnet. Er war ein großer Denker der Gegenwart und bestimmt ein sehr informierter Gegner des kritiklosen Umgangs mit Computern und allem, was dazu gehört.
Er schrieb Computergeschichte und legendär sein Computerprogramm ELIZA. Er hat sich früh gegen Macht und Mainstream gestellt - gegen eine segmentierende, zersplitterte Wahrnehmung der Welt, die eine Grundvoraussetzung für Totalitarismus darstellt.
Die Nazis haben ihn als Kind aus Berlin vertrieben. Nach seiner großen Karriere als Wissenschaftler ist er wieder nach Berlin zurückgekehrt *). Skeptiker, doch nie resignierend. Vitale Bereitschaft, die eigene Erfahrung einzubringen, Verantwortung zu übernehmen und sich gegen Entmündigung zu wehren, seine Kennzeichen. **)
„Aber ich meine noch etwas ganz anderes, wenn ich von Inseln der Vernunft spreche. Ich meine eine Gemeinschaft von Menschen, die das Ziel hat, Gutes zu tun und sich menschlich zu verhalten. Eine Gemeinschaft, die das auch ausstrahlt. Es ist mir natürlich bewusst, dass ich meistens keine tiefe Einsicht in die jeweilige Gruppenstruktur gewinnen kann, aber ich verlasse mich auf meinen Eindruck und mein Gefühl.
Ich stelle mir folgendes vor: Wenn eine dieser Gruppen von der Existenz einer anderen wüsste und mit ihr in Kontakt käme, könnten sie sich durch eine Art Brücke miteinander verbinden. Damit entstünde dann so etwas wie eine größere Insel. Ich habe die Hoffnung, dass sich immer mehr Inseln zusammenschließen und irgendwann einen Kontinent der Vernunft in dem Meer des Irrsinns, in dem wir leben.“

Joseph Weizenbaum im Interview mit Gunna Wendt – „Wo sind sie, die Inseln der Vernunft im Cyberstrom? - Auswege aus der programmierten Gesellschaft“
**) Auszug aus dem Klappentext

Jetzt ist Joseph Weizenbaum im Alter von 85 Jahren verstorben.
IH WEI WAI SING - Ein ehrenhaftes fremdes Herz.
Er ist gegangen und ich bin traurig.

Ich weiß nicht, ob das nachfolgende Lied passend oder unpassend ist. Doch irgendwie passt es für mich, denn es fühlt sich für mich an, als ob es um mich herum immer trostloser wird und von allem Optimismus nicht mehr viel geblieben ist.



*)Wer Joseph Weizenbaum besucht, muss in das Nikolaiviertel von Berlin, dorthin, wo sich die Stadt ‘historisch’ gibt und dennoch nur aus rundsanierter DDR-Architektur besteht. Hier bewohnt Weizenbaum eine kleine Wohnung mit einem kleinen Balkon, den Heerscharen von Vögeln aufsuchen. Hier ist Weizenbaum zu Hause, aber das Zuhausesein ist temporär.
Letzten Samstag war ich mit Freunden im Nikolaiviertel, es ist so seltsam und eigentümlich.

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