Montag, 1. Oktober 2007

Das Birnen - Syndrom

lauscherOhne jede Chance.
Ich bin ohne jede Chance, ich kann mich drehen und wenden wie ich will.
Ich habe jedes Schlupfloch geprüft, nichts geht mehr.
Und der Teller tickt.
Sagen Sie jetzt nicht, dass ginge nicht, Teller ticken nicht.
Doch, in meinem Kopf schon.
Der Teller sitzt da, grinst breit, schraubt still vor sich hin und tickt leise.
Und die Welt entartet, dieses Land, diese Stadt.
Und auf der Kommode grinst er breit, der fürchterliche Dämon.
Still und unheimlich, der riesengroße rote Knopf funkelt teuflisch.
Es ist der siebente Tag des Entzuges von bunten blöden Bildern.
Sieben. Sieben Dämonen. Die Dämonen der Todsünden.
Ich wollte ihn entsorgen, doch alles in mir schreit auf.
Verschwendung! Frevel ! Sünde!
Doch ich will ihn nicht reparieren, denn dann bin ich verloren.
Wieder jeden Tag bunte blöde Bilder und saudumme Texte.
Aber so geht das auch nicht. Unerträglich.
Steht oder liegt etwas defekt in der Gegend herum, dann werde ich langsam wahnsinnig.
Und da kommt mir die Idee.
Ich werde in dieser Servicewüste Deutschland zu einer Werkstatt gehen.
Sie werden mich blöde anschnauzen und unverschämte Preise verlangen.
Wartezeiten bis Ostern nächstes Jahr und ich bin aus dem Schneider.
Kann das Ding aus Kostengründen entsorgen.
Doch ach, die Welt ist entartet, aus den Fugen geraten.
Gehe ich zu der Werkstatt mit Verkauf von Elektronik, sehe all die schönen Dinge.
Stehe ich so unschuldig da und blinzele voll naiv mit meinen leckeren braunen Augen.
Erwarte geduldig und hoffnungsfroh den Tort, den ich sogleich erleiden werde.
Und da kommt er schon, der Schrecken aller frohgemuten Kunden, so denke ich.
Aber ach, er kommt flotten Schrittes und will mir nicht einmal helfen.
Ja, bitte, sagt er und lacht mich freundlich an.*)
Und ich kriege weiche Knie und sehe meine Hoffnung schwinden.
Kann ihn vorbeibringen, geht alles schnell, angucken kostet nichts.
Reparieren nur das notwendige, nur wenn es lohnt und bringen ihn mir sofort wieder.
Und ich stehe da und schlucke, alle Hoffnungen geschwunden.
Was mache ich nur?
Und in meinem Kopf sitzt Edward Teller, der Vater der Wasserstoffbombe,
und grinst und schraubt und der Wahnsinn tickt.**)
Und wie mit heller explosiver Wucht ist sie auf einmal da. Die Lösung!
Ich werde ein Tuch über den Dämon decken und es aussitzen.
Wie die dicke Birne***).
Sechzehn Jahre lang.

Eingesessen in knight life

*) Es ist mein Pech, wir kennen uns gut.
**) Ich habe gestern eine Rede von Edward Teller gelesen.
***) Für die Leser aus Tuvalu und Australien: Die Birne ist Altbundeskanzler Helmut Kohl, der 16 Jahre Kanzler war.

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